“Damit ihr Hoffnung habt!”

Juliane Groß

Juliane Groß ist 25 Jahre alt und studiert in Kiel im Master Angewandte Kommunikationswissenschaften. In ihrer Bachelorarbeit beschäftigte sie sich mit der Markendarstellung und -wahrnehmung der Nordkirche. Ehrenamtlich gestaltet sie seit über zehn Jahren evangelische Jugendarbeit in der Claus-Harms-Kirchengemeinde in Kiel. Seit 2015 engagiert sie sich in der Jugendgremienarbeit im Kirchenkreis Altholstein und der Nordkirche. Sie vertritt die Belange der Jugendlichen unter anderem als Jugenddelegierte auf der Landsynode.

Ich packe meinen Rucksack… I

“Ich packe meinen Rucksack und nehme mit…” in diesem allbekannten Gedächtnisspiel geht es vor allem auch um die Reihenfolge der genannten Gegenstände. Wie wichtig das wirklich ist, erkannte ich im Sommer 2010 in München. Es war ökumenischer Kirchentag, Regenwetter und 14 Grad. Auf der matschigen Theresienwiese schützte nur die richtige Packfolge davor, dass alles nassgeregnet wurde, bevor man das Passende aus dem Rucksack rausgesucht hatte. Es war einer der ersten Lerneffekte in meiner Zeit bei der evangelischen Jugendarbeit.

Inzwischen sind mehr als zehn Jahre vergangen. Gerade das letzte Jahr war ganz besonders. Ein Jahr mit zwei Lockdowns, einem außergewöhlichen Sommer, geschlossenen Schulen und virtuellem Studium. Für uns alle eine eigenartige Zeit.

Am Anfang eines neuen Jahres will ich erzählen, warum Jungsein in der Pandemie eine Herausforderung ist, warum besonders evangelische Jugendarbeit mir für dieses Jahr Hoffnung macht – und was wir auch gerne noch für die Zeit nach der Pandemie in den Rucksack packen können.

Jugend, wie sie gedacht war…

„Noch einmal wieder jung sein.“ – Ein Klassiker der Sprüche, die junge Menschen und Jugendliche sich normalerweise regelmäßig anhören. Jugend ist geprägt vom Unabhängig-Werden von den Eltern. Sich ausprobieren und Verantwortung übernehmen. Auch mal aus den Vorgaben ausbrechen. Doch wie geht das in einer weltweite Pandemie? Das letzte Jahr war geprägt von starren Regeln, Vorgaben, viel Familienzeit und einer Welt, die – wenn auch verständlicherweise – nicht fragt, was junge Menschen eigentlich wollen. Es ist eine Herausforderung in einer Welt erwachsen zu werden, in der es gerade nur wenig Spielraum zum Ausprobieren und dem Abweichen von vorgegeben Wegen gibt.

Es ist eine Herausforderung in einer Welt erwachsen zu werden, in der es nur wenig Spielraum zum Ausprobieren gibt.

Wo früher Teenager, Jugendliche, junge Erwachsene und Kinder waren, mit Hobbies, mit Freundinnen und Freunden, mit außerschulischer Bildungsarbeit, da gibt es plötzlich nur noch „Schüler*innen“ und die Fragen: Wie betreuen wir sie am besten? Wie füllen wir Bildungslücken? Zwischen Arbeitsblättern, virtuellen Unterricht und Abi-Prüfungs-Problemen fallen die Jugendlichen selbst schon fast hintenüber. Das endet übrigens nicht am klassischen Schulhoftor, sondern meint auch Studiums- und Ausbildungschaos und die Unsicherheit der Welt, in der junge Menschen sich gerade erst zurechtzufinden versuchen. Die Spielräume für junge Menschen sind momentan klein. – Ja: Wer fragt eigentlich, was Jugendliche in der Pandemie wollen?

Evangelische Jugendarbeit kann diese Fragen stellen. Sie kann für Jugendliche da sein, ihnen zuhören und ihnen auch Gehör verschaffen. Sie kann jungen Erwachsenen sichere Freiräume schaffen in einer Welt, die in ganz starren Regeln verläuft. Ruheräume schaffen vor der Verrückheit dieser Zeit. Sie kann es auch in Coronazeiten.

Damit ihr Hoffnung habt!

“Damit ihr Hoffnung habt!” Das war das Kirchentagsmotto 2010. Mitten im verregneten München auf der matschigen Theresienwiese zum Kirchentagssong tanzen. – Komplett kaputt und irgendwie doch ziemlich glücklich – so ähnlich fühlt sich auch diese Zeit gerade an – zumindest in der Jugendarbeit.

Ein Beispiel: September 2020. In meiner Heimatgemeinde fingen wir an zu überlegen, wie Weihnachten eigentlich aussehen könnte. Uns war klar, dass wir nicht wie jedes Jahr für unser Krippenspiel Familien zu uns in die Gemeinde einladen könnten. Also haben wir kurzerhand beschlossen, das Krippenspiel zu ihnen nach Hause zu bringen. Wie viele andere Gemeinden auch fanden wir kreative Alternativen. Ich bekam kurz mal schwitzige Hände, da wir sonst zwei Monate proben. Dieses Mal hatten wir zwei Wochen. Als wir das Krippenspiel Ende Oktober aufzeichneten, wurde ich begeistert, vom Einsatz unserer Jugendlichen, der Freude und der Disziplin, mit Maske in einer riesigen Kirche mit viel Platz die wohlig Gemütlichkeit des Weihnachtsgefühl zu schaffen. Sie haben mich mit ihrer Begeisterung umgehauen. Trotz Schulstress und Pandemiesorgen blieb genug Motivation für unser Krippenspiel. Ein bisschen wirkte es wie ein trotziges „Wir sind da!“ Und das hat mir Hoffnung gegeben.

Evangelische Jugendarbeit macht einen Unterschied

Wir konnten erleben, dass junge Menschen Disziplin, Verantwortung, ganz viel Freude und vor allem Hoffnung zeigen, wenn sie sichere Freiräume haben.

Und gerade deshalb mache ich mir Sorgen, wenn ich auf unsere Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit in der Gemeinde, in unserem Kirchenkreis oder der Nordkirche schaue. Nicht wegen der wunderbaren jungen Menschen, die dort schon länger als seit März alles geben. Nicht wegen der wunderbaren Ehrenamtlichen, die an allen Ecken und Ende anpacken, einfach so ihre Qualifikationen einbringen. Und auch nicht wegen der engagierten Hauptamtlichen, die im Rahmen aller Möglichkeit viele neue kreative Ideen umsetzen. Nein. Ich mache mir Sorgen, weil oft das Erlebnis, das den Übergang von der Konfirmandenarbeit zur Jugendarbeit gestaltet, wegfällt. Ich mache mir Sorgen, wen wir verlieren werden. Welche Jugendlichen nicht den Weg finden in unsere Jugendtreffs und Jugendgruppen, weil wir sie einfach nicht niederschwellig da abholen können, wo sie sind. Weil das Persönliche vor Ort im physischen Raum fehlt. Eigentlich können wir es uns nicht leisten, jemanden unterwegs zu verlieren.

Gerade im November des vergangenen Jahres habe ich das gespürt: Wir Jugendlichen wurden in unsere Gemeinde, wie in so vielen anderen auch, wieder zu den kleinen Kacheln auf dem Computerbildschirm und Stadt-Land-Fluss für uns zu einem der besten Onlinespiele. Obwohl wir uns virtuell sehr nah waren, waren unsere Jugendlichen doch zugleich sehr weit weg.

Evangelische Jugendarbeit kann Freiräume schaffen für und mit jungen Menschen.

Zu Weihnachten haben wir daher alle besucht. Mit Maske, nur kurz an der Tür klingeln und natürlich mit Abstand. Mein absolutes Hoffnungsleuchten in der Weihnachtszeit, denn ihre Freude über den Überraschungsbesuch war ansteckend. Die Freude über eine Kleinigkeit trotz des gerade beginnenden zweiten strengen Lockdowns, die Stärke jedes Einzelnen auf ein gesünderes 2021 zu hoffen – das gab Kraft. Auch wenn wir nicht wie sonst alle zusammenkommen konnten, war Gemeinschaft zu spüren, eine Kraft, die uns alle zusammenbrachte. Es war das Gefühl eines „Wir sind immer noch da!“

Ich bin beeindruckt von der Kreativität der Haupt- und Ehrenamtlichen, den Bemühungen alle zu erreichen, den Bemühungen für alle da zu sein. Evangelische Jugendarbeit kann Freiräume schaffen für und mit jungen Menschen. Sie kann ihnen zeigen, dass ihr Stimme zählt, dass sie gehört werden. Denn Erwachsenwerden in einer Pandemie ist besonders, das sollte niemand aus dem Blick verlieren.

Ich packe meinen Rucksack… II

Wir werden diese Zeit durchstehen. Mit Traurigkeit und Wut, aber auch mit Lachen, Freude und einer Gemeinschaft, die uns stärker macht, die Hoffnung macht. Was also nehmen wir mit aus der Pandemie?

Auch wenn es gerade nicht so aussieht: Diese Zeit geht vorüber. Nach den verregneten Tagen in München war der Kirchentag 2012 in Dresden warm und sonnig. Dass ich wusste, wie man seinen Rucksack am sinnvollsten packt, hat mir trotzdem geholfen. – Es ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie evangelische Jugendarebit meinen Lebensrucksack gefüllt und mein Leben bereichert hat:

Die Stärke der evangelischen Jugendarbeit ist es, junge Menschen ernst zu nehmen, ihnen die Möglichkeit zu geben, Verantwortung und Aufgaben zu übernehmen, etwas selbst mitzugestalten. Ich finde heute: Das Können und die Hoffnung, die junge Menschen mitbringen, beeindrucken.

Wichtig ist das Bewusstsein, dass evangelische Jugendarbeit nicht alle mitnimmt. Aber ich empfinde es als Motivation, nicht nur in der Pandemie sondern auch danach immer wieder neue Wege zu suchen, alle zu erreichen.

Denn Jugendliche sind nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart der evangelischen Kirche. „Wir sind da!“ Das ist es, was mir Hoffnung macht.