Breklumer Utopien – Zusammenhalt in der Krise

Bischof Gothart Magaard

Gothart Magaard ist seit 2014 Bischof im Sprengel Schleswig und Holstein der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche). Er war als Studienleiter und Direktor des Prediger- und Studienseminars Preetz tätig.  2005 wurde Magaard  Personaldezernent für die Pastorinnen und Pastoren der Nordelbischen Kirche. In dieser Zeit wirkte er am Reformprozess der Nordelbischen Kirche und in den Fusionsverhandlungen der Nordkirche mit. Von 2006 bis 2013 war Magaard Mitglied der Synode der EKD, ab 2009 außerdem Mitglied der Generalsynode der VELKD. Ab Oktober 2009 wurde ihm als Bischofsbevollmächtigter im Sprengel Schleswig und Holstein hauptamtlich die Vertretung des Bischofs im Sprengel übertragen. 2010 wurde er zudem Beauftragter der Landeskirche beim Land Schleswig-Holstein.

In den ersten Wochen des Lockdowns wurde der Zusammenhalt beschworen. Nach wenigen Tagen im März, die eine unglaubliche Dynamik entfalteten, war ein Konsens darüber spürbar, dass beherzte Entscheidungen getroffen werden mussten. Die Einigkeit, dass die Infektionszahlen schnell reduziert werden mussten und die Ausbreitung des Virus gestoppt werden musste, war greifbar. Die Sorge um diejenigen, die besonders verletzlich und vom Virus bedroht waren, erzeugte Solidarität und die Angst um das eigene Leben kam auch hinzu. Die Bedrohung schaffte in dieser unsicheren Situation für einen Moment eine gewisse Eindeutigkeit. Alle Maßnahmen schienen richtig zu sein. Und in diesen ersten Wochen war es auch angemessen, dem Schutz des Lebens als Gebot der Stunde höchste Priorität zu geben. Ja, es war wichtig, dass durch diese klare Haltung, die sich durch alle Bereiche der Gesellschaft zog, das Leben über alle Einzelinteressen zu stellen. In diesem Anfangsmoment der Corona-Krise gab es keine zwei Meinungen: Leben zählt mehr als wirtschaftliches Wachstum, mehr als der begrenzte Verzicht auf Freiheitsrechte und auch mehr als Religionsausübung.

Gott sei Dank war diese Haltung auch bestimmend für das Handeln der Kirche. Was wären wir auch für eine Gemeinschaft, in der die religiöse Versammlung wichtiger wäre als das Leben Einzelner. Eine Kirche, die sich dem Lockdown widersetzt hätte, ist nicht vorstellbar. Wie sollten wir von Gottes Liebe zu den Menschen reden, wenn wir das Risiko eingegangen wären, dass Menschen massenhaft sterben?

Da hilft es nichts, dass es zu unserer Kernbotschaft gehört, dem Tod ins Auge zu sehen und ihn als Teil des Lebens zu begreifen. Den Nachrichten und Bildern aus Bergamo und New York durften wir uns nicht verschließen. Da war Zusammenhalt gefragt. In den Ostertagen hat Heinz-Rudolf Kunze das Lied „Zusammen“ geschrieben. Ein virtueller Chor aus tausend realen Stimmen singt den Kehrvers: „In der Stunde der Not heißt das erste Gebot: Wir stehn und wir halten zusammen.“ Auch mich hat das Lied sehr berührt.

Zusammenhalt und Zuversicht brauchen wir. Hoffnung und Halt haben auch die vielen kreativen Aktionen der Kirchengemeinden vermittelt. Mitten in dieser unübersichtlichen und auch bedrohlichen Situation wurden sie überall im Land in atemberaubender Schnelligkeit initiiert. Hoffnungshamstern, Segensworte an Wäscheleinen, Gottesdienste für zu Hause, ob als Video oder aus einer Papiertüte, Hoffnungsläuten, Onlinechören Verlegen von Tafelausgaben in Kirchen und Verstärkung von Seelsorgeteams in Krankenhäusern haben wir erlebt. Wir sind zusammengerückt in diesen Tagen, wo wir rigoros voneinander Abstand nehmen mussten. Noch ist die Gefahr nicht gebannt, noch gilt es, weiterhin Abstand zu halten, doch es ist auch schon längst nicht mehr die Stunde der Not und schon seit geraumer Zeit ist eines klar: Es gibt keine Eindeutigkeit im Umgang mit diesem Virus.

Mich beunruhigt die spürbare Polarisierung, die dazu führt, dass Menschen beginnen, voller Misstrauen einander zu begegnen.

Im Gegenteil, schon seit Wochen wird zu Recht darauf verwiesen, welche Bedrohungen durch die Bekämpfung des Virus noch mitlaufen. Am schmerzlichsten von allem waren die Wochen der Isolation von Alten und Kranken in den Pflegeeinrichtungen. Schwerwiegend und in den Folgen noch gar nicht absehbar wird das Auseinanderklaffen von Bildungschancen von Kindern aus armen und wohlhabenden Familien sein oder die Verteilung von unbezahlter Fürsorgearbeit unter den Geschlechtern. Bedrohlich ist die Situation nach wie vor für alle, deren wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel steht. Über all das werden wir noch lange reden müssen. Mich beunruhigt jedoch die spürbare Polarisierung, die auch dazu führt, dass Menschen beginnen, voller Misstrauen einander zu begegnen, sei es, weil sie in dem anderen eine potentielle Gefahr eines Überträgers sehen, sei es, dass einfach widerstreitende Meinungen aufeinandertreffen.

Dabei gibt es doch noch so viel mehr Zwischentöne, die sich zwischen Eindeutigkeit und Polarisierung entdecken lassen. Und genau hier wird auch die Botschaft des christlichen Glaubens interessant. Sie bietet auf die Fragen, was zu tun ist, keine eindeutigen Antworten und hat doch so viel zu sagen. Vom Schweigen der Kirchen ist vielfach die Rede gewesen, obwohl sie auf so vielen bisher wenig genutzten Kanälen seit Mitte März durchgehend auf Sendung sind. Wurden wir nicht gehört oder wollte man etwas hören, was wir nicht sagen konnten? Auch die Kirche kann zur Pandemie zunächst nicht viel mehr sagen als es andere auch tun: nämlich, dass das Leben endlich ist und dass die Möglichkeiten, sich die Welt gefügig zu machen, begrenzt sind. Wir entdeckten die Unverfügbarkeit des Lebens in diesen Tagen auf bedrohliche Weise. Doch wie wir als Menschen mit der Endlichkeit umgehen, die eigene Begrenztheit annehmen und mit dem Unverfügbaren leben, ist immer schon unser Thema gewesen. Es entzieht sich allerdings den großen Erzählungen.

Die Zeit der umfassenden Weltdeutungstheorien scheint vorüber zu sein, und die Bilder von einem strafenden und zornigen Gott, der die Welt heimsucht und ihr eine Prüfung auferlegt, wurden über die Jahrhunderte als das, was sie sind, entlarvt: Geschichten, die Angst machen und letztlich nicht weiterführen. Wenn wir von Gott reden, der es ernst meint mit dem Gedanken, sich selbst klein zu machen, wird sich die Relevanz des Glaubens in den vielfältigen, existentiell bedeutsamen Erzählungen von Menschen zeigen. Das macht Kirche zu einer existentiell bedeutsamen Institution. Wir reden von Erfahrungen, die Menschen mit Gott machen. Denn das eigentlich Bedeutsame geschieht in diesen vielen kleinen und großen Erfahrungen, da wo sich Not wendet und da wo die Kraft noch reicht, um Leid zu durchleben. Mit der Zuversicht, dass auch durch Leid, Schmerz und Tod hindurch dem Leben gedient ist. Darin einen Sinn zu finden, in allen Zweideutigkeiten dieser Welt Glück zu erleben, ist ein unverfügbares Geschehen.

Ich glaube: Gott hält das alles, selbst die größten Abgründe, die sich auftun.

Theologische Deutung muss der Versuchung widerstehen, falsche Eindeutigkeiten anzubieten, weder in metaphysischen Spekulationen, noch im Verkünden einer Supermoral. Theologische Deutung geschieht meist partikular, hier und dort, wo Menschen die Erfahrung machen, mitten in der unsicheren, komplexen und sich stets wandelnden Welt, deren Zukunft offen vor uns liegt, einen Halt zu finden. Ich glaube: Gott hält das alles, selbst die größten Abgründe, die sich auftun. Von dieser Gewissheit erzählen wir, getragen von einem tiefen Vertrauen, dass durch alles Leid der Welt das Leben zählt – immer im Wechselspiel mit dem Zweifel, ob nicht doch alles ganz anders ist.

In diesen offenen Situationen, in denen wir uns nach Halt sehnen, möchte ich um Zusammenhalt werben.

Die Krise fordert uns heraus, die Welt neu zu sehen. Wie viele andere hoffe ich auch von einer neuen Besinnung darauf, was Frieden, Gerechtigkeit und der Bewahrung der Schöpfung dienen kann. Mitten im Umgang mit dem Virus erleben wir, dass sich ein breites Spektrum von Unzufriedenheit auftut. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist in Gefahr geraten. Die Sehnsucht nach einer Deutung, nach Theorien, die abstruse Erklärungen suchen, weil sie sonst keinen Umgang mit den offenen Fragen finden, wächst. Die Krise macht deutlich, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben, um die Vielfalt und Offenheit unserer Gesellschaft und die global vernetzen Partnerschaften weltweit mit zu gestalten. Ich lasse mich nicht beirren, sondern vertraue auf die Besonnenheit, die uns Menschen gegeben ist, und darauf, dass Zusammenhalt auch in einer unübersichtlichen Welt möglich ist.

Menschen können zusammenhalten, selbst wenn sie anders glauben, anders lieben, anders hoffen. Auch darin spüren wir Gottes Segen.