Breklumer Utopien – Hinausfahren, wo es tief ist

Seit Februar 2017 ist Anne Gidion Rektorin des Pastoralkollegs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Sie ist Mitglied der EKD-Synode und der Nordkirchensynode, außerdem Vorsitzende der Theologischen Kammer. Zuvor war sie gut sieben Jahre im Gottesdienstinstitut tätig, von 2004-2010 in verschiedenen Gemeinden in Hamburg.  Sie ist Mitglied im Board der internationalen Societas Homiletica, Autorin u.a. von NDR-Rundfunkandachten und forscht zur Verwendung Leichter Sprache im Gottesdienst.

In diesen Tagen wird ein Papier diskutiert, was das sogenannte „Z-Team“ aus Mitgliedern der EKD-Synode, des Kirchenamtes und des Rates der EKD in den vergangenen Monaten entwickelt hat. Z wie Zukunft ( https://www.ekd.de/11-leitsaetze-fuer-eine-aufgeschlossene-kirche-56952.htm).
„Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“. Ein Danklied von David gibt dem Text das Motto (als der HERR ihn errettet hatte aus der Hand aller seiner Feinde und aus der Hand Sauls – 2. Samuel 22, 1-20, Übersetzung Luther 2017):

„Es hatten mich umfangen
die Wogen des Todes,
und die Fluten des Verderbens
erschreckten mich. (…)
Als mir angst war,
rief ich den HERRN an
und schrie zu meinem Gott.
Da erhörte er meine Stimme (…)
Die Erde bebte und wankte (…),
da er zornig war.
Rauch stieg auf von seiner Nase (…).
Er neigte den Himmel
und fuhr heraus.
Der HERR donnerte vom Himmel (…).
Er schoss seine Pfeile
und zerstreute die Feinde (…)
Er streckte seine Hand aus
von der Höhe und fasste mich
und zog mich aus großen Wassern. (…)
Er führte mich hinaus ins Weite, (…)
denn er hatte Lust zu mir.“

Hinaus ins Weite

Ach, wenn es doch so wäre.

Wenn doch Gott zugreifen könnte wie ins Nackenfell eines Kaninchens und die Peiniger aussortierte und Guten rettete.

Wenn er herunterdonnern könnte vom Himmel, Pfeile schießend und all die Machtmissbrauchs-Präsidenten und Regenwaldvernichter-Despoten fielen getroffen zu Boden. Und Gott käme und führte und leitete und – vor allem – hätte Lust zu mir.
Ich lese die Z-Team-Worte angefeuert durch den Dankpsalm: Von dem, was „der Kommunikation des Evangeliums“ dient, ist da die Rede. Alles soll darauf hin geprüft werden. Ich stelle mir vor, jemand fängt einige Gottesdienstbesuchende an der Tür ab und fragt, ob dies (durch die Maske gesummte Gemeinde-)Lied, diese Predigt oder jener Homepagetext der vergangenen Woche der „Kommunikation des Evangeliums gedient“ habe. In die fragenden Augen hinein gelte es wohl anders in Kontakt zu gehen: Hat Sie das berührt? Hat Sie das erreicht? Spricht Dich das persönlich an? Geht es – tiefer? Ins Herz, unter die Haut?

Geht dahin, wo es tiefer ist

Führte man ein solches Gespräch am vergangenen 5. Sonntag nach Trinitatis, also ein Gespräch an der Kirchentür, könnte noch der Predigttext nachklingen. Aus dem Lukasevangelium.
Jesus ging da auf Abstand zur drängelnden Menge am See Genezareth (Lukas 5, 1-11). Draußen geht das besser als drinnen, und Boote sind natürliche Abstandshalter. Er steigt in eins der Fischerboote. Und lehrt von dort aus. Am Schluss sagt er: „Fahr hinaus, wo es tief ist.“ Simon, Sprecher der Jünger, sagt: Haben wir doch. Machen wir doch. Die ganze Nacht schon. Und nichts gefangen, gar nichts. Aber gut, Jesus, weil Du es bist. Gehen wir nochmal raus.
Und sie fischen und fangen und finden und kommen nach Hause, alle Netze voll.

Geht dahin, wo es tiefer ist

„Der Rückgang der Ressourcen ist kein Argument gegen die Wahrheit des Evangeliums“, schreibt der Z-Team Text. Nein, natürlich ist er das nicht.

Es gibt das größte Glück in der kleinsten Hütte und abgrundtiefe Einsamkeit zwischen goldenen Sofakissen.

Umgekehrt funktioniert die Logik auch nicht – je ärmer desto wahrer, je weniger desto biblischer. Aber trotzdem hat jede Firma ein Problem, wenn sie mit weniger Geld arbeiten muss. Und wenn alle darüber reden, dass sie es muss. Wohin also?

Geht dahin, wo es tiefer ist. Go deeper. Dahin gehen, wo es wehtut. Die Leute fragen, die nicht kommen. Die Zeiten und Formulare infrage stellen, die für einige wenige gewohnt und angenehm sind. Aber die selbst für die klare Mehrheit der Mitglieder nicht Teil des Alltags sind.  
Ich glaube, dass es gar nichts hilft, jetzt wieder Maßnahmen aufzulegen. Wir müssen rechnen, wie jedes Unternehmen auch, und das tut weh. Eine Freundin arbeitet als Verlagsleiterin in einem mittelgroßen Verlag. Fast alle Mitarbeitenden sind in Kurzarbeit. Sie versucht, ihre mittlere Leitungsebene mit zu nehmen in den Prozeß des Kleinerwerdens. Und Zahlen spielen da selbstverständlich eine zentrale Rolle – aber auch Zuhören, Teilen, Ausprobieren, sich gemeinsam in einem Boot fühlen. Abwägen, Alternativen bedenken. Einander nicht zum Feind zu werden auf einem Flur. Solche Prozesse kommen auf uns als Kirche auch zu.

Geht dahin, wo es tiefer ist

Worte wie „an Gott gebundene Freiheit“ oder „Rückbezug auf das Evangelium“ und glaubwürdige Kirche durch „rückgebundenes Reden an eigenes zeichenhaftes und exemplarisches Handeln“ – das ist Sprache nach innen, Sprache für Profis. Die braucht es zur internen Verständigung (vielleicht).

Hier ein Versuch, einige der Ausdrücke aus dem Z-Team-Text zu übertrage, damit sie in die Tauchausrüstung passen auf dem Weg dahin, wo es tiefer ist:

„An Gott gebundene Freiheit“

Ich bin frei. Das heißt: ich kann tun, was ich will.
Und ich glaube an Gott. Gott hat die Menschen geschaffen. Und die Tiere. Und die Erde. Und das Wetter. Und das alles ist ihm wichtig. Seit immer schon. Ich glaube an Gott. Was Gott wichtig ist, ist mir auch wichtig. Deshalb nutze ich meine Freiheit. Ich achte auf die anderen Menschen. Auf die Tiere.  Die Erde und das Wetter. Gott hat das alles geschaffen. Und gesagt: Das ist gut. Also seins. Und wir sind seins. Also gut.
Und so bin ich frei – und denke dabei an Gott. Ich kämpfe dafür. Ich versuche, es zu schützen. Menschen, Tiere, Erde und Wetter.

„Rückbezug auf das Evangelium“

Ich höre und lese die Geschichten aus der Bibel. Gott gibt den Menschen Aufträge. Immer wieder. Menschen herrschen über Menschen. Und Gott sagt: Stopp. Raus hier. Lass mein Volk ziehen. Oder: Lass die Kinder leben. Ich bin da. Ich war da. Und ich werde da sein. In Rauch, in Feuer, in Wolke, in Wasser. Nutz Deine Ohren, Augen, Hände, Mensch.
Ich höre und lese von Jesus. Wie er fragt. Wie er weggeht. Ich stelle mir vor: Jesus lebte heute. Was ist ihm wichtig? Kann er online berühren? Wen wirft er aus der Kirche? Wie betet er eigentlich?

„Eigenes zeichenhaftes und exemplarisches Handeln“

Eine Sache finden alle schrecklich: Jemand verspricht etwas. Und tut etwas anderes. Jemand hört dir zu. Und vergisst es. Du hast Dir etwas gewünscht. Ihm ist es egal. Das tut weh.
Eine andere Sache finden auch viele schrecklich: Jemand tut etwas. Alle fragen: Warum tust Du das? Er schweigt. Oder lacht. Er sagt damit: Du bist mir egal.
Ich höre und lese von Paulus: Er prüft sich. Ist das richtig? Oder das? Er schreibt seinen Leuten. Er sagt: ich habe Fragen. Ich mache Fehler. Ich bin schwach. Und manchmal einfach müde. Aber ich bin da. Und ihr seid mir wichtig. Ich komme. Heute oder morgen. Und dann machen wir das zusammen.

Ein zwölfter Leitsatz

Der Blick ins Weite, den die EKD wagt, ist dran.

Elf Leitsätze tragen den Text. Sie berühren die Felder „Frömmigkeit, Öffentlichkeit, Mission, Ökumene, Digitalisierung, Kirchenentwicklung, Zugehörigkeit, Mitarbeitende, Leitung, Strukturen, EKD/Landeskirchen“.
Nur elf. So ist Platz für einen zwölften Leitsatz. Sprache. Oder: Klang. Musik. Resonanz. Unverfügbarkeit, Haltung. Der Leitsatz könnte überschrieben sein mit: Verwundbarkeit. Sich Aussetzen. Seine Narben zeigen. Oder mit: Passion. Mitmenschlichkeit. Achtsamkeit. Utopie. Hoffnung. Liebe.

Ich finde gut, dass es elf Sätze sind. Dass der 12. Platz klafft und leer ist.
Werft Eure Netze aus, da wo es tief ist. Da könnte der 12. Leitsatz zu finden sein.