Breklumer Utopien – Gedanken über die Welt nach dem Ausnahmezustand

Stefan Block ist seit 2001 Propst im Kirchenkreis Altholstein. Geboren wurde er 1958 in Schleswig und hat in Kiel, Marburg und Hamburg Theologie studiert mit Schwerpunkten auf Sozialethik, Ökumene und Seelsorge. Über seine pröpstliche Tätigkeit hinaus ist Stefan Block Stellvertreter des Bischofs für den Sprengel Schleswig und Holstein. Zudem hat er seit 2016 das Amt des Vorstandsvorsitzenden des “Zentrums für Mission und Ökumene – Nordkirche weltweit” inne und ist seit 2018 Aufsichtsratsvorsitzender des Christian Jensen Kollegs. Leidenschaftlich engagiert ist Stefan Block schon lange Jahre in der Partnerschaft mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Kongo und generell für eine weltweit vernetzte Kirche. 

Im März 2020 und damit als die Corona-bedingten Restriktionen in Deutschland gerade erst an Fahrt gewannen, schrieb der Zukunftsforscher Matthias Horx: „Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird”, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals….Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können.“

Für mich war dieser Impuls eine wohltuende Anregung, um für mindestens einige Momente etwas Abstand zu gewinnen von der Fixierung auf den Krisenmodus, von den Gefühlen der Ungewissheit und Angst. Und um einmal probeweise auch die gesellschaftliche Chance in der Krise zu suchen, den „historischen Moment“ (Horx). Und nicht zuletzt um mich zu fragen: Was haben wir als Leute des Glaubens eigentlich in und zu diesen Zeiten des Umbruchs zu sagen?

Tatsächlich scheint mir nach meinem begrenzten Überblick ein theologischer Diskurs über das Leben unter den Bedingungen von Corona erst langsam in Gang zu kommen. Diese (vermeintliche) Leerstelle wird auch verschiedentlich angemerkt, so im Mai von dem evangelischen Theologen Hartmut Löwe in der FAZ unter der sicher nicht ganz fairen Überschrift „Das Schweigen der Bischöfe zu Corona“. Dort merkt Löwe etwas polemisch an: „Diejenigen, die sich sonst an Stellungnahmen zu allem und jedem überbieten, finden kein geistliches Wort. Sie reden und wiederholen, was andere auch sagen, danken den Ärzten und Krankenschwestern, freuen sich über die praktizierte Solidarität.“

War es nicht gerade das, wozu der Christus uns in der Anfangsphase brauchen wollte? Nämlich Hilfe zu leisten, um Überblick zu gewinnen und immer wieder Ermutigung, ja auch Seelsorge?

Ist dies nun eine zu billige Kritik? Abgesehen davon, dass ich von den Bischöf*innen mindestens meiner Kirche gerade in der Passions- und Osterzeit theologisch durchaus hilfreiche Deutungsversuche der Situation gelesen habe, muss ich erst einmal selbstkritisch einräumen: Auch mich selbst haben die sich überstürzenden Ereignisse erst einmal „auf Sicht“ fahren lassen, mit wenig Distanz zur Reflexion. Die ganz praktischen Nöte der Menschen, auch der mir anvertrauten Pastor*innen und Gemeinden, überlagerten in den ersten Wochen alles. Aber war es nicht vielleicht gerade das, wozu der Christus  uns in der Anfangsphase brauchen wollte? Nämlich Hilfe zu leisten, um Überblick zu gewinnen und immer wieder Ermutigung, ja auch Seelsorge?

Mindestens bleibt dies wichtig bis heute. Aber je mehr wir uns in der neuen Situation halbwegs zu bewegen gelernt haben, erst recht in der Diskussion um die Lockerungen der staatlichen Restriktionen und was denn „systemrelevant“ sei und was warten könne – spätestens jetzt drängt sich die Frage auf, ob wir Leute des Glaubens nicht doch mehr sein dürfen und müssen als ein empathischer Spiegel der Ereignisse. Sondern wie wir sie auch deuten vor dem Hintergrund des Glaubens: ein sich veränderndes Leben, den Umgang mit Krankheit und Tod und nicht zuletzt die Perspektiven der Zukunft.

Mancher schaut nun vielleicht, wie in früheren Jahrhunderten die Kirche und ihre Vertreter mit Seuchen umgegangen sind. Doch da ist für die Gegenwart auf den ersten Blick für mich kaum Anwendbares zu finden: Wenn im Mittelalter den jüdischen Menschen der Stadt in Zeiten der Pestilenz von den Kanzeln herab Brunnenvergiftung unterstellt wurde, so kann man nur froh sein, dass dies gottlob längst überwundene Zeiten sind. Höchstens könnte es uns heute noch gemahnen, ein „Abstandsgebot“ zu wahren zu allem, was nach irrationalen Verschwörungstheorien schmeckt; und auch vor manch gefährlichem Reden von der „Pandemie als Rache Gottes an einer gottvergessenen Welt“. Vertretern solcher Leichtzüngigkeit sei dringend einen Blick in die Bibel empfohlen, die nicht erst seit Hiob einen ungebrochenen Tun-Ergehens-Zusammenhang in Frage stellt.  

Hilfreicher erscheint mir da schon die in diesen Tagen gern zitierte Schrift von Dr. Martinus Luther „Ob man vor dem Sterben fliehen muge“ (1527). Angesichts der Pest-Epidemie seiner Zeit hütet sich Luther davor, Gott vorschnell in die Karten schauen zu wollen. Vielmehr deutet er die Seuche zu allererst als Bewährungsprobe für christliche Nächstenliebe und gesellschaftliche Verantwortung. Und in gerade diesem Sinne erlebe ich die Kirchen mindestens hierzulande in Zeiten der Corona-Krise in ihrem Handeln sehr nahe bei dem Reformator.

Tatsächlich verbietet uns das Wissen um den deus absconditus jede vorschnelle transzendente Deutung der Not, in die viele Menschen und Gesellschaften geraten sind. Wenngleich: Der deus absconditus ist auch nicht vom deus revelatus zu trennen! Im Kreuz Jesu Christi als Ort des sich verbergenden und sich offenbarenden Gottes verbindet sich eben die so lebensnahe wie paradoxe Wahrheit unseres Glaubens von Gottesferne und Gottesnähe. Insofern ist für mich persönlich auch nur im Angesicht des  Kreuzes Christi das Entsetzen über die Bilder der nächtlichen Leichentransporte in Italien auszuhalten; wie in österlicher Perspektive des Kreuzes den erschöpften Menschen im medizinischen Dienst gedankt und applaudiert werden kann: Ihr seid nicht nur „Helden“, sondern Nachfolger*innen im Geist des österlichen Sieg des Lebens!

Wir als Kirche haben den Auftrag von Jesus Christus her Anwältin gerade für die zu werden, die unter den Umständen des Lockdown leiden und gelitten haben.

Anteilnahme am Geschehen in der Perspektive von Karfreitag und Ostern – das ist das eine. Doch es gibt für uns Kirche meines Erachtens noch mehr, wo wir einen hilfreichen Beitrag in der Krise leisten könnten. Denn so sehr die staatlichen Zwangsmaßnahmen im Lockdown der vergangenen Zeit notwendig, unterstützenswert – und bisher ja auch vom Erfolg begleitet waren, sie hatten und haben auch ihre dunklen Seiten: Isolation bis hin zum einsamen Sterben in Pflegeheimen; Krisen bis hin zum Lagerkoller in Familien; nicht zuletzt wirtschaftliche Katastrophen trotz aller staatlichen Hilfsprogramme und damit „eine Spaltung der Gesellschaft in reiche Gewinner und arme Verlierer“, wie ein Kollege es einmal genannt hat. Dies zu benennen ist eine Frage unserer unbedingt notwendigen sozialen Sensibilität. Ja, wir als Kirche haben den Auftrag von Jesus Christus her Anwältin gerade für die zu werden, die unter den Umständen des Lockdown leiden und gelitten haben.

Darüber hinaus führen uns solche Erfahrungen zu der Frage, was „Ehrfurcht vor dem Leben“ eigentlich bedeutet. Was bedeutet unter den Bedeutungen der Restriktionen eigentlich „Schutz des Lebens“? Und wäre es nicht unsere Sache gewesen, worauf erst Bundestagspräsidenten Dr. Schäuble hinweisen musste? „Wenn ich höre, alles habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig… Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Sie ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“

Tatsächlich, die Würde von Gottes Geschöpfen bedeutet mehr als nacktes Überleben. Und dementsprechend ist der Dienst am Menschen und seiner Würde nicht getan, wenn wir alle Menschen unter Kontaktsperre stellen würden, bis alle gefährlichen Krankheiten geheilt oder gegen sie ein Impfstoff gefunden ist (eine offensichtlich absurde Vorstellung). Selbstverständlich, ein verantwortungsbewusster Umgang mit der Infektionsgefahr ist und bleibt wahrscheinlich noch über eine längere Zeit notwendig. Doch zugleich braucht es jetzt dringend ein Nachdenken darüber, wie ein menschenwürdiges Leben mit Corona und mit drohender Infektionsgefahr möglich ist. Wir als Kirchen sollten uns an diesem Diskurs beteiligen, denn wir wissen etwas von der Endlichkeit und Sterblichkeit allen Lebens – und von der Kostbarkeit des Lebens gerade unter diesen Umständen!

Leben ist Leben im Risiko – das hat uns die Pandemie in drastischer Weise vor Augen gestellt. Und diese Erfahrung werden wir so schnell nicht wieder los! Sie hat unser Vertrauen tief gestört, dass das Leben irgendwie und aufs Große und Ganze beherrschbar sei: mit Medizin, sozialen Sicherungssystemen – und allemal für Menschen, die das Glück haben, in der nördlichen Hemisphäre geboren zu sein.

Doch Leben ist Leben im Risiko – auch bei uns! Damit aber umzugehen helfen am Ende nicht nur das Wissen der Virologen und die Entscheidungsstärke der Regierung – sondern auch, was wir als Kirchen zu benennen haben: Glaube, Liebe und Hoffnung. Glauben im Sinne eines Vertrauens, dass der Christus mit uns durch diese Zeit geht; Liebe so verstanden, dass unsere Gesellschaft nicht nur auf technisches und medizinisches Wissen, sondern auch auf gesellschaftlicher Anteilnahme und Solidarität gebaut ist; und nicht zuletzt Hoffnung, dass das Ende dieser Krise nicht die Katastrophe ist, sondern etwas sein könnte, was Matthias Horx „eine neue Welt…, deren Formung wir zumindest erahnen können“ nennt. Mag sein, dass in diesem Sinne das Virus nicht nur eine dunkle Gefahr ist – sondern auch, wie es Horx ausdrückt, ein guter „Sendbote aus der Zukunft.”

Stefan Block, Neumünster, den 8. Juni 2020