Breklumer Utopien – Denke ich an Breklum…

Dr. Uta Andreé ist Leiterin des Dezernats für Mission, Ökumene und Diakonie der Nordkirche. Geboren in Jever studierte sie Theologie in Bethel, Marburg und Heidelberg. Hier arbeitete sie als wissenschaftliche Angestellte, promovierte zum Thema „Die Evangelisch-Lutherische Kirche in El Salvador auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens“. Nach vier Jahren im Gemeindepfarramt wechselte sie als persönliche Referentin von Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber nach Hannover. Nach Stationen im Kirchenamt der EKD und als Geschäftsführende Studienleiterin der Missionsakademie an der Universität Hamburg ist sie seit dem 1. April im Landeskirchenamt in Kiel. Uta Andrée ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Denke ich an Breklum…

… dann habe ich viele Bilder vor Augen, Eindrücke von Weite, von blau und grün strahlender, satter Kargheit, von Natur pur. Aber ein Bild habe ich ganz besonders in Erinnerung: Ein Kind, das mit großem Lachen im Gesicht in die Luft springt und scheinbar in den Himmel zu steigen scheint. Ein begnadeter Fotograf hat dieses Foto am Deich von Nordstrandischmoor gemacht. Er hat sich an den Fuß des Deichs gehockt und die Kinder gebeten, von der anderen Seite auf die Kuppe zuzulaufen und wenn es schon fast wieder runter geht, so hoch zu springen, wie sie nur können. Das war ein lustiges Gehopse und kein Kind sprang höher als dreißig Zentimeter, dazu waren sie viel zu klein. Was für ein Staunen, als wir dann die Fotos sahen. So hoch kann ich springen! Und heute ist da nur noch dieses Bild: ein Kind steigt in den Himmel.

Wäre Breklum ohne den Weg zu erreichen, wäre es nicht Breklum. Der Weg macht Breklum so wertvoll.

Denke ich an Breklum…

… dann denke ich: Der Weg ist weit. Es ist ganz schön weit bis da oben raus an die nordfriesische Küste. Die Bahn ist eng und ohne W-Lan. Aber der Weg ist heilsam, der Weg schafft Raum zwischen dem, wo ich herkomme, und dem, was ich suche. Unser Alltag ist oft so effizient durchgetaktet, ist so wegelos geworden. Der Weg nach Breklum ist weit und das ist gut so. Der Weg lohnt sich. Wege lohnen sich. Wäre Breklum ohne den Weg zu erreichen, wäre es nicht Breklum. Der Weg gehört dazu und macht Breklum so wertvoll. Auf Wegen hat sich Jesus zu Menschen gesellt, auf Wegen haben sich Engel in den Weg gestellt. Man weiß nicht, wann man in Breklum ankommt. Engel und Trecker oder Engel und Signalstörungen sind manchmal im Weg. Der Weg ist weit. Aber irgendwann kommt man an.

Denke ich an Breklum…

… dann denke ich an die „Mittagstunde“, an verlassene Kneipen und Höfe, an einen abgehängten Landstrich, an schwache Infrastruktur und an das Ende der Autobahn in Heide. An versteckte Alkoholprobleme, an Vergreisung und Erosion von Dorfgemeinschaften. An alte Geschichten und alte Menschen. An Einsamkeit und perspektivlose Jugend und dass es da Breklum gibt. Mutig mittendrin kein Fremdkörper, verbunden mit den Themen der Leute vor Ort: Ökologie und Nachhaltigkeit? Wie wollen wir leben? Was kostet unser Lebensstil? Was ist gutes Leben? Findet man das vielleicht viel eher dort, wo nicht alles auf Hochglanz getrimmt ist? Nicht bei der Trostlosigkeit stehen bleiben, das ist hier die Devise. Nicht die alten Geschichten hegen und pflegen, bis man mit ihnen untergeht.

Think Big im 21. Jahrhundert heißt den Horizont durchbrechen und durchstoßen zu radikal nachhaltigem Leben.

Denke ich an Breklum…

… dann ist da auch diese andere alte Geschichte, die alte Geschichte von einem Mann mit langem, grauem Bart, eine alte Geschichte von einem, der den Horizont durchbrach und ganz groß dachte: „Think Big“ im 19. Jahrhundert. Wir dürfen die Entdeckung der Welt nicht den Eroberern und Profiteuren überlassen, wir ziehen mit ins Feld und bringen das Licht in die entlegensten Gegenden der Welt. Bei diesem Unternehmen gab es auch viel Schatten, aber es hat diesen einzigartigen Ort hinterlassen. An uns ihn zu bewahren und zu gestalten, an uns aus dem unerschütterlichen Sendungsbewusstsein der Mission des 19. Jahrhunderts eine Botschaft werden zu lassen, die Sand ins Getriebe des unerschütterlichen Fortschrittsoptimismus und Machbarkeitswahns des 20. und 21. Jahrhunderts bringt. Think Big im 21. Jahrhundert heißt auch den Horizont durchbrechen und durchstoßen zu radikal nachhaltigem Leben: Achtsamkeit, Bescheidenheit und Leben im Glauben.   

Denke ich an Breklum…

… dann weiß ich: Auf die Perspektive kommt es an. Nicht nur bei einem Hopser am Deich. Was ist eigentlich los mit uns, dass wir es als Ausnahmezustand bezeichnen, dass wir Zeit mit unseren Kindern verbringen? Was ist eigentlich los mit uns, dass wir meinen, im Homeoffice kann man nicht vernünftig arbeiten, weil es da keine Stechuhr gibt? Was ist eigentlich los mit uns, dass wir die Entschleunigung feiern und schon nach zwölf Wochen wieder in die Hektik der tausend Termine und Ortswechsel verfallen? Was ist eigentlich los mit uns, dass wir die hochfahrende Wirtschaft und die wieder am Himmel sichtbaren Kondenzstreifen mit Erleichterung registrieren. Welcher Ausnahmezustand muss uns noch erreichen, damit wir endlich etwas kapieren und etwas ändern?

Was ist los mit uns? Wir sind erschöpft und die Welt ist erschöpft von uns. Aber wir geben es nicht zu, nicht einmal im Ausnahmezustand.

Ich sollte öfter an Breklum denken…