Breklumer Utopien – Corona, geteilte Sicherheit und die Krise der globalen Solidarität

Dr. Christoph Mai ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er wurde 1958 in Hamburg geboren, studierte dort Medizin und promovierte über die Geschichte der Zwillingsforschung in der Zeit des Nationalsozialismus. Über sein mehr als 25-jähriges Engagement in der DIAKO Nordfriesland ist er dem Breklumer Campus eng verbunden. Gegenwärtig arbeitet er als Chefarzt und Ärztlicher Direktor. Er engagiert sich in einem wissenschaftlichen Netzwerk forschend und publizierend zur Aufarbeitung der Medizingeschichte im Nationalsozialismus. Christoph Mai ist verheiratet und hat 3 Kinder.

Was ist ein Virus?

Ein Virus ist ein Zellpirat. Viren kapern ihre Wirtszellen, zwingen ihnen ihren Replikationszyklus auf, vermehren sich zum potenziell finalen Nachteil der Wirtszelle und befallen neue Zellen. Sie können als infektiöse organische Strukturen an der Grenze zwischen belebter und unbelebter Materie eingeordnet werden. Viren unterliegen selbst evolutionären Prozessen und spielen eine wichtige Rolle für die gesamte Evolution auf unserem Planeten.

Pandemien

Menschenpathogene Viren haben in der jüngeren Geschichte menschlicher Zivilisationen zahlreiche Pandemien ausgelöst. Beispielhaft sei an die „Antoninische Pest“ – eine Pandemie durch Pocken-Viren –  im Römischen Reich (165-180) mit rund 5 Millionen Toten, die spanische Grippe (1918-1920) mit weit mehr als 20 Millionen Toten und die Hongkong-Grippe (1968) mit deutlich mehr als einer Million Toten erinnert. Pandemien haben die menschliche Zivilisation erschüttert, verändert und den Anstoß für bahnbrechende medizinisch-hygienische Neuerungen gegeben im Bereich von Städtebau, Kanalisation, kollektiver und individueller Hygiene sowie in der Entwicklung von Arzneien und von Impfungen.

Geteilte Sicherheit

Die Erde ist aus menschlicher Sicht ein Ort ungleicher Sicherheit.

Auch wenn der oberflächliche Eindruck einer gemeinsamen Bedrohung durch ein neues Virus den Blick auf die Ungleichheit kurzfristig verstellen kann, wird diese dennoch durch die Pandemie und ihre Folgen erheblich verschärft. Alle individuellen und kollektiven Bestrebungen nach Schutz und Sicherheit sind damit korrespondierend mit Abgrenzungsfragen verknüpft: Nur die Sicherheit meiner Familie oder auch die Sicherheit meiner Landsleute? Nur die Sicherheit in Deutschland oder auch die Sicherheit in Afrika? Schutzmasken prioritär in medizinischen Einrichtungen oder auf dem freien Markt? Impfstoff prioritär für die besonders Vulnerablen oder für die Mächtigsten? Ausgleichsleistungen für die strategisch wichtigen Wirtschaftszweige oder für die Ärmsten, in Deutschland, in Europa oder in den ärmsten Regionen dieser Erde?

Ist die Natur freundlich oder feindlich?

Es ist unstrittig, dass wir Menschen auf eine natürliche Lebensgrundlage angewiesen sind. Wir können uns zwar als Teil der Natur ansehen – eher einen fakultativen als einen obligaten. Es unterscheidet uns aber von anderen Lebewesen, dass wir kraft unserer kritischen Erkenntnisfähigkeit Verantwortung tragen für Haltungen und Handlungen in Kategorien wie Freundlichkeit oder Feindseligkeit. Wir erliegen der Versuchung, solche Kategorien auf die Natur zu projizieren – wie am Anfang dieses Beitrags mit dem Sprachbild des Virus als Zellpiraten geschehen. Mit unserem wachsenden Verständnis für die Gesetzmäßigkeiten unserer natürlichen Lebensgrundlage wächst unsere Verantwortung für einen nachhaltig-respektvollen Umgang mit der Natur und die ihr innewohnenden kooperativen Strukturen, die wir gerade im Bereich der Mikroorganismen und der viralen Strukturen nur bruchstückhaft erahnen. Ebnet unser Raubbau an den letzten intakten Ökosystemen den Artensprung für viele weitere Viren mit Pandemie-Potenzial? Können wir vor dem Hintergrund der involvierten schwerstgewichtigen politischen Interessen realistisch auf eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage des Ursprungs von SARS-Cov2 hoffen?

Pandemie-Management: Welcher Kompass zeigt die richtige Richtung?

In vielen Ländern dieser Erde ist das Pandemie-Management zu einer hochrangigen politischen Prestige-Frage geworden. Innerhalb weniger Tage entwickelte sich im März 2020 eine internationale mediale Dynamik ungeahnten Ausmaßes, die einen differenzierten Blick auf Werte- und Interessenabwägungen erschwerte und verzerrte. Die nationalen politischen Führungen waren im Hinblick auf die Dramatik und die Dimensionen dieser Abwägungen aufs Äußerste gefordert, die politische Transparenz und die parlamentarische Kontrolle waren von Marginalisierung bedroht und es schlug die Stunde der Virologen. In der öffentlichen Diskussion überwog die Frage, wie die Bevölkerung unter Berücksichtigung der differenziellen Vulnerabilität wirksam vor Corona geschützt werden konnte.

Die Frage der sozioökonomischen und medizinischen Folgeschäden des Lockdowns sowie der Folgewirkungen auf politische und ökonomische Verteilungskämpfe gerieten zunächst ins politische Abseits.

Wer ist erfolgreich im Pandemie-Management?

Nach vorläufiger Bewertung lassen sich einige Komponenten eines erfolgreichen nationalen Pandemie-Managements identifizieren: auf der Grundlage eines leistungsfähigen Gesundheitssystems mit sicherem Zugang für die gesamte Bevölkerung sind Experten-geleitete politische Entscheidungen, hoher gesellschaftlicher Konsens über die Kern-Maßnahmen, frühzeitige Identifizierung von lokalen Ausbrüchen, konsequente Nachverfolgung von Kontaktpersonen und ein Wohlfahrtsstaat mit Absicherung der unmittelbaren Lockdown-Folgen z.B. durch Kurzarbeitergeld und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall Eckpfeiler eines Erfolges. Beratungsresistente Regierungen, Dissens in der Bevölkerung und existenzielle persönliche Notlagen – wie etwa prekäre Beschäftigungsverhältnisse in deutschen Großschlachtbetrieben – sabotieren das Eindämmungsmanagement. Glück spielt in der frühen Phase eine nicht unbedeutende Rolle.

Brauchen wir ein globales Pandemie-Management?

Unabgestimmtes nationales Handeln kollidiert in der Bewältigung der Corona-Krise hart mit den internationalen Erfordernissen an Produktionsketten, Handelswege, Reiseaktivitäten und nicht zuletzt mit den abgestimmten medizinischen Maßnahmen zur Kontrolle der globalen Infektionsaktivität. Ohne globales Pandemie-Management kann nur ein sehr beschränktes Zielniveau der Bewältigung angesteuert werden. Die WHO steht – wie in vielen anderen medizinischen Herausforderungen neben Corona – äußerst exponiert auf dem Prüfstand, angreifbar und gleichzeitig unverzichtbar.

Corona und die Krise der globalen Solidarität

Die wachsende globale Ungleichverteilung von Wohlstand und Sicherheit geht mit Verteilungskämpfen um Territorien und lebenswichtige Ressourcen sowie Flucht vor Hunger, Naturkatastrophen, Verfolgung und Krieg einher. Die Corona-Pandemie wird diese Krisen absehbar erheblich verschärfen.

Nur ein globaler Ausgleich unter der Prämisse globaler sozialer Gerechtigkeit öffnet eine friedliche Perspektive der Lösung.

Corona treibt den tödlichen Preis für Blockaden auf diesem Lösungsweg noch weiter in die Höhe.

Menschenwürde, ethische Vernunft, globale Verantwortung und Kooperation

Es ist ein gutes und ermutigendes Zeichen, dass in so vielen Staaten dieser Erde im Corona-Management der Schutz des unmittelbar bedrohten Lebens im Sinne der Menschenwürde als Kompass gewählt wurde. Hinter dieser Kursbestimmung warten die großen Fragen der Menschheit weiter auf überzeugende Antworten: wie kann globale Kooperation gestärkt, wie können Verteilungskämpfe mit immer mehr Verlierern und immer weniger Gewinnern beigelegt werden? Aus mitteleuropäischer Sicht: wie können politische Mehrheiten für einen Weg zu globalem sozialen Ausgleich organisiert werden? Wie finden wir einen nachhaltigen und respektvollen Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen, so dass auch unsere Kinder und Kindeskinder ihre Lebensgrundlage auf unserem Planeten erarbeiten können? Wie kann ethische Vernunft in Verantwortung und in Wirkung gebracht werden?

Wie können die Menschen und Organisationen guten Willens in diesem Sinne Einfluss und Überzeugungskraft entfalten? Corona öffnet einen weiteren Blickwinkel auf diese existenziellen Fragen, nicht mehr und nicht weniger.

Sieben Thesen zu Corona

  1. Corona wird zu einem Infektions-epidemiologischen Prüfstein für die Organisation unseres Zusammenlebens in den Bereichen Arbeitswelt, öffentlicher Verkehr und Massenveranstaltungen.
  2. Ansteckung über Aerosole wird in Architektur, Belüftungssystemen und smarter Nutzungslenkung hohe Beachtung finden.
  3. Corona unterstreicht die Vorteile eines Wohlfahrtsstaates sowohl für soziale Stabilität und Konsens  als auch für die ökonomische Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft im Stress-Test.
  4. Corona illustriert die überlegene Wirkung von Soft-Skills in politischer, medizinischer und ökonomischer Führung, z.B. zu erkennen am deutlich besseren Outcome von Staaten mit weiblichen Regierungschefs.
  5. Corona unterstreicht die unverzichtbar wichtige Rolle internationaler Organisationen wie insbesondere der WHO.
  6. Corona verschärft die globale Ungleichverteilung von Wohlstand und Sicherheit markant und begünstigt reaktive populistische Abschottungsstrategien.
  7. Corona erhöht den Druck auf die Menschen und Organisationen guten Willens, die Krise der globalen Solidarität zu überwinden und eine Perspektive des friedlichen globalen sozialen Ausgleichs zu öffnen.